Autor: Kerstin Ogrissek & Paul Szabó-Müller
Veröffentlichung: 14.07.2026
Einleitung
Gerade in schnelllebigen Branchen stellt sich die Frage, wie Ressourcen geschont und durch Konzepte der
Circular Economy nachhaltige Alternativen entwickelt werden können. Am Beispiel von Messemöbeln möchten wir aufzeigen, wie man mit der Gestaltungsmethode 2D zu 3D ein zirkuläres Produktdesign realisieren kann und welche Vorteile sich daraus für Unternehmen ergeben. Das beschriebene Vorgehen ist auch für andere Branchen bzw. Produkte sehr gut geeignet. Unser Projekt #dzr unterstützt Sie gerne bei Ihrem Designprojekt.
Hintergrund: Gute Gründe für Ökodesign
Seit dem 18. Juli 2024 ist die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) auf EU-Ebene in Kraft [1]. Die Verordnung schafft einen verbindlichen Rahmen für nachhaltige Produktgestaltung und legt fest, dass für bestimmte Produktgruppen künftig konkrete Ökodesign-Anforderungen durch delegierte Rechtsakte definiert werden. Möbel zählen laut dem zugehörigen Arbeitsplan zu den priorisierten Produktgruppen, für die in den kommenden Jahren entsprechende Regelungen kommen werden [2].
Im Fokus der ESPR stehen unter anderem Aspekte wie Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus, Langlebigkeit, Reparierbarkeit sowie eine verbesserte Kreislauffähigkeit von Produkten. Ein zentrales Instrument hierfür ist der Digitale Produktpass (DPP), der zukünftig strukturierte Informationen zu Materialien, Nutzung, Reparatur und Wiederverwertung bereitstellen soll, sobald dies für Möbel durch einen delegierten Rechtsakt festgelegt wird. Der Prozesse der zirkulären Produktgestaltung wird in einer 2025 veröffentlichten DIN EN Norm beschrieben [3].
Dadurch soll auch dem Trend von „Fast Furniture“ entgegengewirkt werden. Gerade in immer schnelllebiger werden Branchen stellt sich die Frage, wie Ressourcen geschont und durch Konzepte der Circular Economy nachhaltige Alternativen entwickelt werden können [4]. Die Verbraucherzentrale NRW spricht von 2,4Mio. Tonnen Sperrmüll im Jahr 2023 in Deutschland [5].Ein extremer Fall von Fast Furniture sind Messemöbel. Wer hat heute noch die Möglichkeit, große Lagerflächen anzumieten, Messemöbel einzulagern und diese regelmäßig von A nach B zu transportieren?
Hinzu kommt, dass sich Messeauftritte und Werbebotschaften kontinuierlich verändern. Was heute ein aufwendig gestaltetes Highlight ist, wird im nächsten Jahr häufig durch neue Banner, Designs oder Inszenierungen ersetzt.
Die Investition in kostenintensive Messemöbel, die den Großteil des Jahres ungenutzt im Lager stehen, erscheint vor diesem Hintergrund zunehmend ineffizient. Gleichzeitig werden jährlich neue Werbeaufsteller produziert und alte werden eingelagert oder sogar weggeworfen, obwohl sich in vielen Fällen lediglich die Layouts ändern.
Zirkuläres Produktdesign mit der Methode 2D zu 3D
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Kerstin Ogrissek & Paul Szabó-Müller
Teaser
Gerade in schnelllebigen Branchen stellt sich die Frage, wie Ressourcen geschont und durch Konzepte der Circular Economy nachhaltige Alternativen entwickelt werden können. Am Beispiel von Messemöbeln möchten wir aufzeigen, wie man mit der Gestaltungsmethode 2D zu 3D ein zirkuläres Produktdesign realisieren kann und welche Vorteile sich daraus für Unternehmen ergeben. Das beschriebene Vorgehen ist auch für andere Branchen bzw. Produkte sehr gut geeignet. Unser Projekt #dzr unterstützt Sie gerne bei Ihrem Designprojekt.
Hintergrund: Gute Gründe für Ökodesign
Seit dem 18. Juli 2024 ist die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) auf EU-Ebene in Kraft [1]. Die Verordnung schafft einen verbindlichen Rahmen für nachhaltige Produktgestaltung und legt fest, dass für bestimmte Produktgruppen künftig konkrete Ökodesign-Anforderungen durch delegierte Rechtsakte definiert werden. Möbel zählen laut dem zugehörigen Arbeitsplan zu den priorisierten Produktgruppen, für die in den kommenden Jahren entsprechende Regelungen kommen werden [2].
Im Fokus der ESPR stehen unter anderem Aspekte wie Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus, Langlebigkeit, Reparierbarkeit sowie eine verbesserte Kreislauffähigkeit von Produkten. Ein zentrales Instrument hierfür ist der Digitale Produktpass (DPP), der zukünftig strukturierte Informationen zu Materialien, Nutzung, Reparatur und Wiederverwertung bereitstellen soll, sobald dies für Möbel durch einen delegierten Rechtsakt festgelegt wird. Der Prozesse der zirkulären Produktgestaltung wird in einer 2025 veröffentlichten DIN EN Norm beschrieben [3].
Dadurch soll auch dem Trend von „Fast Furniture“ entgegengewirkt werden. Gerade in immer schnelllebiger werden Branchen stellt sich die Frage, wie Ressourcen geschont und durch Konzepte der Circular Economy nachhaltige Alternativen entwickelt werden können [4]. Die Verbraucherzentrale NRW spricht von 2,4Mio. Tonnen Sperrmüll im Jahr 2023 in Deutschland [5].Ein extremer Fall von Fast Furniture sind Messemöbel. Wer hat heute noch die Möglichkeit, große Lagerflächen anzumieten, Messemöbel einzulagern und diese regelmäßig von A nach B zu transportieren?
Hinzu kommt, dass sich Messeauftritte und Werbebotschaften kontinuierlich verändern. Was heute ein aufwendig gestaltetes Highlight ist, wird im nächsten Jahr häufig durch neue Banner, Designs oder Inszenierungen ersetzt.
Die Investition in kostenintensive Messemöbel, die den Großteil des Jahres ungenutzt im Lager stehen, erscheint vor diesem Hintergrund zunehmend ineffizient. Gleichzeitig werden jährlich neue Werbeaufsteller produziert und alte werden eingelagert oder sogar weggeworfen, obwohl sich in vielen Fällen lediglich die Layouts ändern.
Lösungsansatz: Produktdesign mit Falt- und Stecksystemen


Ein vielversprechender Ansatz liegt im Produktdesign mit Falt- und Stecksystemen. Möbel und Werbeaufsteller werden dabei zunächst als 2D-Elemente gefertigt und erst bei Bedarf zu stabilen 3D-Objekten zusammengefügt. Dies ist ein Prinzip, das aus der Verpackungsindustrie bekannt ist und für Möbel und viele weitere Produkte geeignet ist.
Ein anschauliches Beispiel ist der Umzugskarton:
Er wird bei Bedarf aufgebaut, ist stabil und funktional und lässt sich anschließend wieder flach zusammenfalten. Dadurch benötigt er kaum Lagerfläche und kann effizient transportiert werden.
Dieses 2D-zu-3D-Prinzip lässt sich direkt auf Messemöbel und Werbeartikel übertragen [6].
Vorteile für Unternehmen
Durch den 2D-zu-3D-Ansatz wird nicht nur das Lagerungsproblem gelöst, sondern auch die Wirtschaftlichkeit verbessert. Der Materialverbrauch wird reduziert, Ressourcen werden geschont und Transportwege deutlich vereinfacht. Viele Elemente lassen sich ohne LKW transportieren. Unternehmen gewinnen dadurch an Flexibilität, Innovationsfähigkeit und sparen Kosten genau dort, wo es sinnvoll ist [7].
Wie können Sie nachhaltige Möbel selbst gestalten?
Anleitung
Schritt 1: Material festlegen
Zunächst wird ein einheitliches Material für das gesamte Produkt definiert, um Materialtrennung und Recycling zu vereinfachen. Geeignete Materialien sind beispielsweise Pappe oder holzbasierte Plattenwerkstoffe wie MDF oder Multiplex. Die Wahl des Materials richtet sich nach dem Einsatzort, der gewünschten Stabilität und der Nutzungsdauer.
Schritt 2: 2D-Design der Bauteile
Alle Komponenten des Produktes werden als 2D-Flachteile in einer CAD-Software entworfen. Dabei werden bereits Materialstärke, Belastungspunkte und spätere Steckverbindungen berücksichtigt. Ziel ist es, ein vollständiges Möbelobjekt zu konstruieren, das ausschließlich aus ebenen Bauteilen besteht.
Schritt 3: Steckverbindungen definieren
Die Verbindung der einzelnen Bauteile erfolgt ausschließlich über mechanische Steckelemente, ohne den Einsatz von Schrauben, Kleber oder zusätzlichen Verbindungsteilen.
Das Steckprinzip orientiert sich an etablierten Lösungen aus der FabLab- und Makerspace-Szene, insbesondere an den im Rahmen der MIT Fab Academy dokumentierten Verbindungstypen [8]. Dazu zählen:
- Finger-Joints (Fingerverbindungen) – ineinandergreifende Zinken zur flächigen Verbindung
- Press-Fit-Verbindungen – formschlüssige Verbindungen mit leichter Übermaßpassung
- Snap-Fit-Verbindungen – federnde Elemente, die Bauteile ohne Werkzeug fixieren
Diese Verbindungen werden so ausgelegt, dass sie für CNC-Fräsen oder Lasercutter geeignet sind.
Schritt 4: Berücksichtigung von Kerf und Toleranzen
Beim Entwurf der Steckverbindungen wird der Materialabtrag (Kerf) des jeweiligen Fertigungsverfahrens berücksichtigt (z. B. Durchmesser des Laseres). Je nach Maschine und Material müssen Toleranzen angepasst werden, damit die Verbindungen weder zu locker noch zu stramm ausfallen.
Schritt 5: Materialoptimierung durch Nesting
Vor der Fertigung werden alle 2D-Bauteile mithilfe von Nesting-Software wie Deepnest effizient auf dem Plattenmaterial angeordnet, um Verschnitt zu minimieren und den Materialverbrauch zu reduzieren [9].

Schritt 6: Digitale Fertigung
Die verschachtelten Bauteile werden anschließend mit einer CNC-Fräse (für Holzwerkstoffe) oder einem Lasercutter (für Pappe oder dünne Holzplatten) hergestellt. Durch die flache Geometrie lassen sich alle Teile platzsparend lagern und transportieren.
Schritt 7: Montage des Möbels
Nach der Fertigung werden die einzelnen Teile werkzeuglos zusammengesteckt. Als Beispiel dient ein Stehtisch, ein klassisches Messemöbel.
Im Vergleich zu konventionellen Stehtischen, die häufig aus mehreren schwer trennbaren Materialien (z. B. ABS-Kunststoff, Stahl, Schrauben) bestehen, entsteht hier ein modularer Stecktisch aus Multiplex oder Pappe, der vollständig sortenrein aufgebaut ist.
Schritt 8: Nachbearbeitung und Nutzung
Nach der Montage können die Oberflächen geschliffen und optional lackiert oder lasiert werden. Durch den modularen Aufbau lassen sich einzelne Bauteile bei Beschädigung oder Verschleiß gezielt austauschen, ohne das gesamte Produkt entsorgen zu müssen.
Vorteile
Durch diesen Prozess ergeben sich mehrere Vorteile:
- reduzierter Materialverbrauch durch effizientes Nesting
- einfache Lagerung und kostengünstiger Transport flacher Bauteile
- vereinfachtes Recycling durch sortenreinen Materialeinsatz
- hohe Wiederverwendbarkeit und Reparierbarkeit durch modulares Design
Nachteile:
- Zeitaufwand in der Designthinking Phase
- Wandel von Mentalität und Gewohnheiten evtl. erforderlich
Beispiele für (Messe-)Möbel

Mehrere Unternehmen zeigen bereits erfolgreich, dass modulare Möbel aus einem Material praktikabel sind:
- WERKHAUS entwickelt nachhaltige Messemodule aus Dreischicht-Holz mit Stecksystemen [10].
- PAPPERROCKS produziert Pappmöbel für Messen, die leicht, stabil und vollständig recycelbar sind [11].
- ROOM IN A BOX demonstriert mit Möbeln aus Wellpappe, dass auch tragfähige, langlebige Konstruktionen möglich sind [12].
- OpenDesk bietet CNC-fähige Möbelentwürfe für lokale Produktion und flachen Transport [13].
- Work From Home Desks zeigt modulare, werkzeuglos montierbare Arbeitsplätze aus Holz [14].
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Stecksysteme und Ein-Material-Konzepte bereits erfolgreich umgesetzt werden. Die Methode „Von 2D zu 3D“ lässt sich auch sehr gut in anderen Branchen bzw. für andere Produkten anwenden.
Fazit
Wie wir am Beispiel Messemöbel aufgezeigt haben, ermöglicht das Designprinzip „Von 2D zu 3D“ wirtschaftlich, ökologisch und gestalterisch überzeugende Alternativen zu konventionellen Produkten. Durch modulare Steck- und Faltkonzepte werden Ressourcen geschont, Transportaufwände reduziert und Produkte langfristig nutzbar gemacht.
Die vorgestellten Praxisbeispiele aus der Möbelindustrie belegen, dass diese Ansätze bereits heute erfolgreich umgesetzt werden und einen wichtigen Beitrag zur Circular Economy leisten können.
Genau hier setzt dzr | digital.zirkulär.ruhr an: Wir zeigen Ihnen nachhaltige Konstruktions- und Designansätze auf und entwickeln gemeinsam mit Ihrem Unternehmen Prototypen für reale Anwendungsszenarien. Und wir behalten den Überblick über Ökodesign-Anforderungen und zukunftsweisenden Technologien. Dabei sind Sie die Macher:innen und wir Ihre Begleiter:innen – von der Idee bis zum getesteten Produkt.
Workshop Online Sprechstunde (https://app.guestoo.de/public/event/6578c058-50e5-48c2-9c8d-d24d55ba342b?lang=de)
Workshop 2D zu 3D (https://app.guestoo.de/public/event/93879bdb-79b6-4911-96a7-29531bf80eaa?lang=de)
Workshop 3D-Druck und 3D-Scan (https://app.guestoo.de/public/event/24e50936-fb7d-42d8-bbd5-0810b7db49cf?lang=de)
Literaturangaben
[1] European Union. Document 32024R1781.
[2] Enviroment. ESPR and Energy Labelling Working Plan 2025-30.
[3] DIN Media. DIN EN 45560:2025-04. Verfahren zur Realisierung zirkulärer Produktgestaltung
https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-45560/385406553
[4] Ellen MacArthur Foundation. Circular Economy Concept.
https://ellenmacarthurfoundation.org/topics/circular-economy-introduction/overview
[5] Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Fast Furniture – kurzlebige Möbel und ihre Schattenseiten. https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/umwelt-haushalt/nachhaltigkeit/fast-furniture-kurzlebige-moebel-und-ihre-schattenseiten-109738
[6] Pahl, G., Beitz, W. (2013). Engineering Design – A Systematic Approach. Springer.
[7] Braungart, M., McDonough, W. (2002). Cradle to Cradle. North Point Press.
[8] MIT Fab Academy. Computer Controlled Cutting – Joints.
https://academy.cba.mit.edu/classes/computer_cutting/joints.png
[9] Deepnest. Nesting Software for CNC and Laser Cutting.
https://deepnest.io
[10] WERKHAUS. Nachhaltiger Messebau.
https://www.werkhaus.de/messebau/
[11] PAPPERROCKS. Pappmöbel für Messen und Events.
https://papperocks.com/de/pappmoebel-messe
[12] ROOM IN A BOX. Nachhaltige Möbel aus Pappe.
https://roominabox.de
[13] OpenDesk. Open-Source Furniture & CNC Design.
https://www.opendesk.cc
[14] Work From Home Desks. Sustainable Desk Systems.
https://workfromhomedesks.com

